Schirmklau, Ekstasetanz und sehr sympathische Firefuckers
(von Oliver Krämer)

Wie man aus Erfahrung weiss, lohnt es sich bei Helge immer, mehrere Konzerte derselben Tour anzuschauen, da sowieso jede Show neu und anders ist und er sich waehrend so einer langen Tournee staendig weiterentwickelt und neue Sachen ausprobiert. So war ich also gespannt, was mich und Catarina, eine Freundin von mir, in Rottweil beim Ferienzauber-Festival erwarten wuerde. Am fruehen Nachmittag sind wir schon mal zum Zelt gefahren, die Buehne mit Instrumenten stand schon, die Technik wurde gerade eingerichtet. Ich konnte ein gratis Tourplakat abstauben, dem spaeter noch einige Ehren bevorstehen sollten.

Am Abend stand dann schon Helges alter schwarzer Diesel-Mercedes vor dem Zelt, ein wirklich bemerkenswertes Gefaehrt. Auf der Hutablage befand sich eine Nachbildung der Baxter-Skulptur, hinten waren nette lila Vorhange angebracht, innen Jacke und Hut, Strassenkarten und Notizen. Das Zelt wurde voll, das Publikum war altersmaessig bunt gemischt, diesmal auch viele Kinder in den ersten Reihen, eine hatte sogar einen Texas-Aufsteller dabei. Die Firefuckers betraten die Buehne, und die ersten Nebelschwaden huellten uns ein. Um es direkt vorwegzunehmen: Dieses Konzert war der Hammer, Helge war in sensationell guter Laune, die Gags hervorragend und die Band spielfreudig und flexibel wie nie. Helge hatte seine Stretchhose durch eine kurze rote ersetzt, da es ihm wohl zu warm im Zelt war, ansonsten optisch alles beim Alten bis auf die kurzen blauen Socken. Die Band auch wieder in den ueblichen Outfits (werden die eigentlich mal gewaschen?!).

Beim Betreten der Buehne wurde Helge erst mal mit Reis beworfen. Spaeter reichte man ihm ein Tupper mit Eiersalat, das er gern entgegennahm und meinte, sie haetten das jetzt tonnenweise und koennten ein Haus damit bauen. Ueberhaupt reagierte Helge auf fast jeden Zwischenruf, weil diese nicht von Prolls kamen sondern auch immer nett gemeint waren. So stellte er mal wieder seine Spontaneitaet unter Beweis, wenn er z.B. auf diverse Wuensche nach aelteren Hits meinte: "erst mal die Scheiss-Lieder spielen." Dazu hatte er diesmal eine kleine Gedaechtnisstuetze in Form eines Zettels dabei. Neu war im Verlauf des Abends Es gibt Reis in der Rock-Version, die gut abging. Der sozialkritische Brieftraeger-Song war auch wieder dabei, Ich drueck die Maus leider diesmal nicht. Katzeklo weitete sich zur Experimentiernummer ("es geht noch eine halbe Stunde") mit abenteuerlichen Texten, wobei Helge diesen Song mittlerweile so motiviert bringt, als waere er neu. Die Kids in der ersten Reihe, die laut mitsangen, wurden dann von Helge gefragt, ob sie auf die Buehne wollten, aber das war ihnen dann doch zu peinlich, weshalb er dann einzelnen Fans das Mikro zum Mitsingen hinhielt. Helge erklaerte sich die Anwesenheit der vielen Kinder dadurch, dass "die Eltern auch mal ficken wollen."

Ziemlich am Anfang bemerkte Helge unseren Regenschirm, den ich auf die Buehne gelegt hatte, nahm ihn hoch, spannte ihn auf und liess ihn dann von Gleithmann hinter die Buehne bringen. Auch der Regenschirm sollte spaeter nochmal zum Einsatz kommen. Gleithmann ging seinen ueblichen Aufgaben nach, wobei er sich bei einem Song mit Wanjiru wahre Tanzduelle lieferte und sich nahezu in Ekstase tanzte - sehr beeindruckend fuer einen alten Mann wie ihn, der im Lauf des Abends von seinem Broetchengeber wieder mit allerlei Kosenamen wie Oetzi, Arschloch, Nikolaus usw. bedacht wurde. Aufgrund der zweideutigen Ausbeulungen in Gleithmanns hellblauem Anzug meinte Helge, er verstehe gar nicht, "wie man sich vorne in die Hose scheissen kann". Wanjiru X war auch gut drauf, tanzte ab Es gibt Reis passend zum Text mit offenen Haaren und lachte sich in den Pausen auf ihrem Stuhl immer total kaputt ueber Helges Witze. Auch die Band, allen voran Zack Domino, war immer sehr amuesiert, wenn der Meister mal wieder alle Pfade verliess und improvisierte. So ergab sich u.a. auch eine Predigt von Pfarrer Helge. Gott konnte allerdings die Leute nicht sehen, da ja das Zelt im Weg war. Rottweil war natuerlich auch gut fuer ein paar Witze, die Einwohner haben alle Angst vor den gefaehrlichen Rottweilern, ausserdem hatte Helge wohl ein paar Probleme bei der Anfahrt gehabt und machte sich immer ueber die laendliche Umgebung lustig. Zu der Fanin mit der Pappfigur meinte Helge, hoffentlich gehe sie damit nicht ins Bett, es waere ja immerhin eine Schwangerschaft moeglich... Insgesamt muss man feststellen, dass Helge im Vergleich zu Karlsruhe viel mehr erzaehlt hat, er war sehr ausgelassen, improvisierte viel und textete neue Zeilen. Es waren soviele gute Gags, dass man sie sich leider gar nicht alle merken kann. Haette Helge nicht wegen der Anwohner schon um 10 aufhoeren muessen, waere der Abend sicher noch laenger geworden, denn die Stimmung war wahnsinnig gut, man merkte richtig, wie es sowohl dem Publikum als auch den Agierenden Spass machte (dies sah uebrigens auch der Kritiker des Schwarzwaelder Boten so, der einen sehr positiven Artikel schrob). Die Firefuckers verabschiedeten sich mit A Whiter Shade of Pale, und der Schlussapplaus des Publikums war so euphorisch wie selten.

Wir warteten danach auf Helge und die Band, bis dann Eric St.Laurent auf der Buehne auftauchte. Ich liess mein Plakat signieren und unterhielt mich mit ihm. Er kommt tatsaechlich aus Kanada, und zwar aus Montreal, und es stellte sich heraus, dass er Peterborough (die Stadt, in der ich studiert habe) kennt und dort auch schon aufgetreten ist! Ich fragte ihn, was ihn nach Deutschland gebracht habe - natuerlich die Liebe! Er meinte, nach der Tour wuerde die Band Trigger eine eigene CD aufnehmen. Eric war total sympathisch und zugaenglich. Waehrend wir uns unterhielten, kamen immer mehr Fans und wollten sein Autogramm, so dass er irgendwann meinte "I'm the star tonight!" Spaeter kam dann Wanjiru aus den Kulissen, immer noch mit offenen Haaren. Waehrend sie mein Plakat signierte, fragte ich sie, warum Helge sie X nenne - weil sich niemand ihren Namen merken koenne. Auf die Frage, wie sie zu Helge gekommen sei, meinte sie, er haette sie angerufen, sie kennen sich noch von frueher. Ihre Choreographien bezeichnete sie als "modernistisch". Dann ging nochmal das Warten los, und es sah so aus, als haette Helge keine Boecke mehr, sich nochmal den Fans zu zeigen. Er wollte dann heimlich zur Seite das Zelt verlassen, wir hatten es aber mitbekommen und standen ihm dann vor dem Zelt im Dunkeln gegenueber. Catarina bot den Schirm an, den er ja zuvor entwendet hatte (ich habe ihn mir wieder von Erwin geben lassen). Helge rutschte auf dem Weg zu seinem Auto auf dem nassen Boden beinah aus (Fernsehgarten laesst gruessen!) und hakte sich dann bei Catarina ein, auf seiner anderen Seite lief ich neben him her. Am Auto waren dann noch ein paar andere Scheiss-Fans, und Helge gab einige Autogramme. Auf meine Frage nach einem neuen Musikvideo meinte er nur "Noe!" Ich wollte dann wissen, wen er im Spiegel-Interview mit dem Schauspieler, der fuer seine Filme zu teuer geworden sei, gemeint hatte. Er sagte zuerst Werner Abrolat, aber ich meinte dann, den gebe es ja leider nicht mehr, worauf er dann sagte, es sei Andreas Kunze, was ich mir auch schon gedacht hatte. Man wird sehen, ob er Kunze fuer Eiersalat oder Schwick doch nochmal kriegt (ich gehe nach wie vor davon aus, dass er die Filme irgendwann noch macht), denn Kunze als Spiros waere sicher wieder amuesant! Ich hab Helge dann noch nach der Skulptur in seinem Wagen gefragt, er hat sie von einem Fan bekommen und faehrt sie wohl ein bisschen durch die Lande. Hopp, war er drin im Auto, das dann noch ein paar Wendemanoeverprobleme hatte, schliesslich aber doch den Zelplatz verlassen konnte.

Ich sagte zu Catarina, wir sollten noch einmal kurz ins Zelt schauen, und prompt stand Thommy Jordy am Eingang, von dem ich mir natuerlich auch gleich das Plakat signieren liess. Es kamen dann noch Gleithmann, Eric und Zack dazu, so dass ich am Ende ein komplett signiertes Poster hatte! Ich kam mit Zack ins Gespraech, beglueckwuenschte ihn zu seinem grandiosen Schlagzeug-Solo und fragte, wie die Tour so allgemein laeuft. Er meinte, es mache total Spass und Helge werde auch immer besser. Nebenher schuettete sich Zack Rotwein ein, und zwar in einer Geschwindigkeit, die jede Beschreibung scheut. Catarina geleitete die Musiker wieder mit dem Schirm zum Bus, waehrend ich noch die Gelegenheit hatte, mit Gleithmann zu plaudern. Ich gratulierte auch ihm zu seinen furiosen Tanz-Solata bzw. Solae, wie er meinte. Auf die Frage, wie lange sich Helge und er kennen, meinte er so 20 oder 25 Jahre. Nach Tournee-Ende im Dezember wuerde er erst mal Weihnachten feiern... Die Firefuckers stellten sich allesamt als aeusserst nett ond offen heraus, sie haben uns dann noch einige Male zugewunken, bis sie in der Nacht verschwanden.

Ein sehr gelungener Abend mit persoenlichen Begegnungen mit allen Kuenstlern ging zu Ende. Nun bin ich gespannt, was uns in Essen beim Fan-Klap-Treffen und beim Konzert erwartet!

Bis dann, Oliver

Oliver Kraemer 8/99