Weimar - Goethegeburtstag am
21.08.99

(von Ronny Hopisch)

Das Konzert fand an Goethes 250. Geburtstag statt und leider auch im Dauerregen, was aber wie sich zeigte, der guten Stimmung keineswegs abträglich war. Angekündigt als "Helge Schneider liest Goethe" war Spannung angesagt, was er denn auf die Bühne bringen würde. Aus dem nahegelegenen Schloß Belvedere hatte man ihm einen edlen alten Stuhl auf die Bühne gestellt, der später noch einiges abhalten mußte.

Beginn war pünktlich 20.30 Uhr, als die Firefuckers sich vor der in Regencapes gehüllten Menge zeigten und mit dem üblichen Intro begannen. Helge erschien mit Rüschenhemd, Perücke, blauer Stretch-Hose und braunen Yuppie-Slippern, posierte während seiner Soloeinlagen ziemlich übertrieben und schon hatte er das Publikum in der Hand. Auch Gleithmann ließ nicht lange auf sich warten; in der ersten Reihe standen zwei ältere Herren mit Vollbärten, die ihre Arme - zu seiner Freude - synchron mitschwangen. "Hallo Weimar, gestern war'n wer noch nich da!" begrüßte Schneider nach dem Instrumental das Publikum. Anschließend der erste Wortbeitrag, wobei klar wurde, das Goethe zwar Thema des Abends war, aber es keinesfalls eine Lesung geben würde. "We Are The Firefuckers" kam danach komplett auf deutsch. "Wir sind die Feuerficker!"

Danach nahm Helge auf dem Stuhl Platz, und ließ sich Tee servieren , wobei er sich betont stilvoll gab ("Wohlan - bring er Tee!") und bemerkte, dass der Gleithmann den immer selbst mache: Wasser kochen, Teebeutel rein...."Doppelkammer!". Der schöne Stuhl wurde schließlich unsanft wegbefördert und Helge kündigte das nächste Stück an: "Ich hab noch Sand in den Schuhen von Hawaii von Barta Illic gesungen 1968". Auf englisch hieße das "Hey Joe". Er meinte, er werde auch einige Passagen mit dem Gaumen spielen, mit der Mundhöhle und "mit dem Zäpfchen". Mit dem Sack sowieso - aber das hatte er sich dann doch nicht getraut. Nach dem Intro zu "Still Got The Blues" ging es dann wirklich los mit Hey Joe. Unter großem Jubel sagte Helge danach, "weil es regnet, machen wir heute ein bißchen länger." Ein Ruf nach Katzenklo wurde beantwortet mit "Katzeklo kommt später - erstmal die Goethe-Sachen!"

"Nights in White Satin" folgte - komplett auf deutsch gesungen - mit Bezug auf die Plastikregenmäntel, die ein Großteil des Publikums trug und - natürlich - auf den Geheimrat ("Goethe war der größte Reimer - dagegen bin ich ein Eimer") Das Publikum singt ganz fantastisch mit. Gleithmann muß auch als Gretchen herhalten. Mit "Hier, lies meine Faust" bekommt er während der nächsten Tee-Pause von Schneider die Faust aufs Auge gedrückt... Der Stuhl wird schließlich als Goethes Toilettenstuhl gedeutet (früher war da ein Loch drin und drunter stand ein weißer Plastikeimer) Ein absolutes Highlight (auch der ständig lachende Zack Domino kann sich hierbei kaum noch halten, genau wie Wanjiru) ist, als er dem Publikum demonstriert, wie Goethe (kein Wortbeitrag ohne ihn!) seinen Kindern Fernsehen vorgespielt hätte. (Damals gabs das ja noch nicht. Deshalb hat der da so eine alte Holzkiste genommen, hat seinen Kopf reingesteckt und das selbst gemacht). Er demonstriert auch, wie. In Form eines Wetterberichts. "Süd-süd-öööstlich. ----- 34. ----Skagerak" Unbeschreiblich. Surreal. Da muß selbst Thomy Jordy, der Bassist lachen.

Es folgte der schon von der Lokalzeitung verratene special guest: Udo Lindenberg (der am selben Tag in Weimar eine Ausstellung eröffnete) Zusammen mit den Firefuckers und Helge bringt er "Johnny B Goode" (gesungen von Lindenberg alleine) - Helge macht hierbei Chuck Berrys Duck-Walk nach. Da Schneider übermorgen Geburtstag hat(te), darf er sich noch eins wünschen und Lindenberg singt "Cello" (begleitet von zwei seiner Musiker) und nimmt schließlich sogar seine doofe Sonnenbrille ab. Danach ist erstmal ein bißchen die Luft raus. Schneider braucht eine Weile, bis er wieder den Gipfel von vorher erreicht hat. Zuerst kommen die beiden englischsprachigen Songs "Beside The Snake" und "Room To Room With The Devil" bzw. heute (?) "Mephisto" (Helge als Headbanger oben ohne). Später das "Katzenklo" in einer ausufernden Version. (die "übliche" teure Katzenfutter & Omi-Version, die aber am Schluß doch noch interessant wird, weil er wirklich improvisiert. Dann hat er das Publikum wieder voll im Griff.

Während Udos Auftritt hatte es aufgehört, zu regnen. Schneider meint, dass der liebe Gott da oben wohl nur was gegen ihn hätte, denn vorhin als der "Udo Lindenschmidt" da war, hatte es ja aufgehört - kurz darauf fängt es wirklich wieder an... Er malt sich und uns aus, wie der da oben "in 10000 Meter Höhe auf seiner Luftmatratze" treibt und ab und zu einen Kaugummi runterspuckt... Irgendwann holt er noch einen Zettel raus und meint, er müsse hier was vorlesen: "Es ist schön hier zu sein in Mag- äh Weimar...."

Gegen Ende des Konzertes folgt ein weiteres Wort-Highlight, als er, in dem Stuhl sitzend, im vermeintlichen Goethe-Stil beginnt, spontan zu reimen. Schneider ist ein Meister der Improvisation. Als er nicht weiterkommt, ruft ihm einer im Publikum was zu - Antwort: "Nein, nicht vorsagen!" Es endet mit dem "Raben"-"Gedicht" und einem schweinischen Fritzchen-Witz, von dem er dann sagt, er habe ihn von dem Schlagzeuger und der ihm wohl dann doch peinlich ist. (Bei der letzten Bandvorstellung sagt er dann nämlich kleinlaut "mein Name ist Helge Schneider - Entschuldigung für den Witz")

"Liebe Gemeinde" ist ebenfalls grandios. Daraus entwickelt sich diesmal eine Art Politikerrede, mit lauter Kauderwelsch, aus der nur Worte mit den Silben "gemein-" zu verstehen sind. "brabbel brabbel-brabbel-GEMEINWESEN-brabbel- brabbel-GEMEINSCHAFTS..--- "Die Herren Politiker" ist Klasse wie immer - Gleithmann hierbei in dem Stuhl sitzend ("wie se da sitzen...") Als Helge gegen Ende einen von der Security vor der Bühne sieht, meint er: "Hier steht ja einer verkehrtrum!" Danach ein weiteres Highlight: Copacabana (mit dem sächsischen Refrain). Vorher fragt er Gleithmann wie üblich, was er da stricke. Der weist nur stumm auf die Bühnenüberdachung. "Ah, den Himmel - der strickt den Himmel" sagt Helge kopfschüttelnd. Wie üblich zeigt sich Zack Domino hier in seinen geschmackvollen Netzstrumpfhosen. Zum Schluß gibt es (nach Zuruf aus dem Publikum) Es gibt Reis Baby (schüttel dein Haar für mich - Gleithmann läßt seinen Bart in der Luft kreisen) und A Whiter Shade Of Pale. 2,5 Stunden. Grandios.

Hopiman