«Die schwarzen Tasten sind die Bösen»

Helge Schneider als Jazzstar

Frankfurt/Main (dpa) - «Die schwarzen Tasten sind die Bösen, die weißen sind die Guten, ich versuche das ein bisschen zu vermischen»: So lautet das Credo des Pianisten Helge Schneider, der mit seiner besonderen Mischtechnik am Freitagabend das Publikum des 32. Deutschen Jazzfestivals in Frankfurt begeisterte. Zu Recht hatten die Organisatoren des renommierten Jazz-Events Schneider mit dem zentralen Auftritt am Eröffnungsabend geadelt.

Der selbst ernannte «Vollblut-Jazzer» aus Mülheim an der Ruhr erwies sich als äußerst vielseitig. Er bot herrliche Klavier- und Saxofon-Soli, spielte Orgel, Trompete und Klarinette und versuchte sich - allerdings mit verhaltener Virtuosität - auch am Xylofon und der Panflöte. Die rund 1000 Besucher verfolgten im ausverkauften Sendesaal des Hessischen Rundfunks amüsiert und gespannt das Geschehen, bei dem auch die gewohnt schrägen Ansagen des Musikkomikers nicht fehlten.

Gemeinsam mit dem Schweizer Schlagzeuger Charly Antolini und dem Bassisten Rocky Knauer erschien der 46-jährige Schneider wie immer in schrillem Outfit: mit wilder Frisur, blauem Konfirmandenanzug, riesigem Kragen und glitzerknopfverzierten Schlaghosen sowie mit übergroßer Sonnenbrille. Nur auf die üblichen Plateauschuhe verzichtete Jazzer Schneider.

Stets eine Beethoven-Büste im Blick und völlig unbelastet von Notenblättern, spielte die «singende Herrentorte» viele Interpretationen von Jazzklassikern, vor allem von Charles Mingus, der Leitfigur des diesjährigen Jazzfestivals. Bereits mit 15 Jahren - gab Schneider an - wollte er so sein wie sein Idol Mingus. «Ich habe mir einen Kontrabass ausgeliehen, den ich nie zurückgegeben habe.»

Schneider, der sich zunächst als Bauzeichnerlehrling, Verkäufer bei Neckermann, Straßenfeger und Tierpfleger versuchte, ehe er 1977 Profimusiker wurde, ist noch heute fasziniert: «Kontrabass ist nicht nur schwer zu spielen, sondern auch schwer zu transportieren.»

Nach einigen «Eigenkompositionen von anderen» setzte der «Gaga-Champion» und «Meister der versandenden Pointen», wie ihn Kritiker nannten, zu dem selbstentwickelten Stück «Original Charly Mingus Blues» an. Mit unglaublicher Schnelligkeit mischte der 64-jährige Antolini, der schon mit Lionel Hampton, Benny Goodman und Paul Kuhn jazzte, am Schlagzeug mit. Dem ließ Schneider mitreißende Soli als Pianist und Bläser folgen.

In seiner unendlich stoischen Art bot der Filmemacher und Verfasser von Nonsens-Krimis (etwa «Zieh Dich aus, Du alte Hippe») auch um Entschuldigung, wenn er beim Klavierspiel «mal den kleinen Finger vergessen hat». Er habe sich «tausend Mal verspielt, aber das bewusst.» Augenzwinkernd begründete er auch seine Liebe zum Jazz: «Man kann einfach spielen, wie man will.» Nach 80 Minuten inklusive einer Variante von «Beethovens Mondscheinsonate, Seite 249» als Zugabe verabschiedete sich Schneider. Auf Klamauk-Songs wie «Katzeklo» verzichtete er.

Ex-Police-Gitarrist Andy Summers (58) konnte im darauf folgenden Konzert mit seinem Trio und melodiösem Jazzrock das Publikum nicht mehr in gleicher Weise mitreißen. Vor Schneider hatte die hr Big Band unter der Leitung des Dirigenten und Komponisten Gunther Schuller das dreitägige Jazzfest eröffnet. Für den wegen der weltpolitischen Lage abgesprungenen amerikanischen Saxofonisten Joe Lovano war der Tenorsaxofonist Ernie Watts kurzfristig eingesprungen.

© dpa-online, 28.Oktober 2001