Der volle Scheiß, aber mit Hand und Fuß

Wirklich bemerkenswerte Ereignisse sind selten geworden im Humorgeschäft. Die Akteure klimpern via Bühne und Fernsehschirm seit Jahren munter auf einer absurden Klaviatur zwischen Geschmack- und Talentlosigkeit über Zweckprovokationen jenseits aller Gürtellinien und Inhalte bis hin zu krampfhaft auf Kult umgebogenen Sinnlosigkeiten. Was kann da noch ein Ulkveteran wie Helge "Katzenklo" Schneider bieten, der anstößigstens mal poppen sagt? Die Antwort dürfte am Sonntagabend selbst eingefleischte Fans überrascht haben, die in Erwartung eines zwar amüsanten, aber vorwiegend nostaligischen Konzertabends ins Plauener Parktheater pilgerten: Die singende Herrentorte steckt sie alle in den Sack, die Raabs und Mittermeiers, Appelts und Lücks! Mit seinem schrulligen Charme und einer ebenso warmherzigen wie kaltschnäuzigen Spontanität schaffte es Helge nicht nur, trotz seines hinlänglich bekannten (was für einen Witz eigentlich tödlich ist!) Zwerchfellreiz-Strickmusters immer wieder frische Lachanfälle auszulösen: Smart und professionell schnitzte er aus einer Beinahe-Katastrophe eine grandiose Show. Von diesem inoffiziellen Auftakt zur "Plautze-Voll"-Tour werden die Besucher noch ihren Enkeln erzählen können.

Rekordverdächtig war allein, dass das Konzert trotz der vielen Pannen überhaupt stattfand. Gleich zu Beginn gab das bandeigene Mischpult den Geist auf, so dass erst einmal gar nichts zu hören war. Helge und seine Mitmusikanten schraubten verzweifelt an dem Teil herum, bis man der Anlage wenigstens einige quäkige Töne entlockte. Multitalent Schneider (voll fit an Piano, Gitarre, Saxophon, Triola, Mini-Xylophon und anderen Instrumenten) beendete das Konzert vorerst scherzhaft und fing gleich mit den Zugaben an. Etliche Feedbacks später - die ersten 20 Minuten waren nicht mehr als ein verunglückter Soundcheck, über den sich Helge fernab seines geplanten Programms kalauerte - ging er aber entnervt von der Bühne: Das hat keinen Sinn, wir holen das Konzert nach. Lasst Euch das Geld wiedergeben!. Das kannst du uns nicht antun! brüllten einige Zwischenrufer, und unter Helge, Helge!-Sprechchören bekam Parktheater-Vereinsvorstand Steffen Krebs, der auf die Schnelle ein neues Mischpult besorgt hatte, das Problem in den Griff. Trotz einiger klanglicher Unzulänglichkeiten, die nun aber keiner mehr übelnahm, bekam Helge beim Neustart bravourös die Kurve und lief, angefeuert vom frenetischen Beifall, zur Höchstform auf.

Gerührt improvisierte er ein Plauen-Lied, baute seine schräge Vogelhochzeit auf Zuruf um und reagierte an der Gitarre prompt, als "Es gibt Reis, Baby" gefordert wurde: "Spiele ich ja normalerweise auf dem Klavier, aber warum nicht", nuschelte Herr Schneider und brachte das Parktheater zum Kochen. Um ein loses Gerippe aus Running Gags, die sich auf vorzügliches musikalisches Handwerk zwischen Jazz, Rock und Barmusik stützen, bastelt Helge wie immer souverän sinnleere Längen, die ihren Aberwitz allein aus Spontanität ziehen. So brachte Helge die Menge zum Feiern, indem er etwa eine Geschichte aus dem aktuellen Wendy-Heft eigenwillig vorlas oder das Etikett einer Mineralwasserflasche in den Bart murmelt. Dass er in Plauen wegen des Technik-Gaus etwas viel reden musste und weniger Musik machen konnte, tat der guten Laune nicht nur keinen Abbruch: Es zeigte nachhaltig, dass Helge Schneider zu den begnadetsten Unterhaltungskünstlern der Republik gehört. Oder wie es ein Zwischenrufer treffend formulierte: " Der volle Scheiß, aber mit Hand und Fuß!"

Von Timo Hoffmann
27.8.01


Plauener retten Helge Schneiders beste Show

Sonntag, kurz nach 20 Uhr, zeichnet sich im Parktheater Plauen der Super-gau für Veranstalter ab: Der Künstler bricht nach etwa 15 Minuten seine Show ab und schickt 1300 zahlende Gäste heim. Eskalation hinter der Bühne, ungläubige Verwirrung auf der anderen Seite. Nee, das kann er jetzt nicht ernst meinen, sagt ein junger Mann und bleibt wie selbstverständlich sitzen. Doch die Minuten verrinnen. Helge Schneider hat es offenbar wirklich ernst gemeint.

Dieses Konzert, so skurril wie das Gesamtkunstwerk Schneider an sich, dürfte allen Besuchern lange in Erinnerung bleiben. Es war eines der besten, die Helge je geliefert hat. Das sagt er zumindest selbst, und Tourmanager Till Oellerking denkt nicht im Traum daran, was anderes zu behaupten: Helge fand es richtig super und will auf jeden Fall wieder nach Plauen kommen. Denn sowas wie am Sonntag im Parktheater hatte die singende Herrentorte eigenem Bekunden zufolge noch nicht erlebt. Alles begann mit dem Ende eines Mischpults. 17 Uhr, zum Soundcheck, lief noch alles einwandfrei, dröselt Jens-Uwe Köhler den technischen Krimi der Abend-Show auf. Kurz nach 19 Uhr - Helge kam gerade auf die Bühne geschneidert - Funkstille. Erst dachten wir, es sei nur eine Sicherung. Aber die war es nicht, erzählt der Vorsitzende des Parktheater-Vereins weiter. Fieberhafte Fachsimpelei am Kabelsalat, zuckende Schultern, fliegende Arme. Das Problem: Katzeklo-Erfinder Doc Snyder hatte die gesamte Technik selbst aus Mühlheim an der Ruhr mitgebracht, Licht, Boxen, Mikrofone, Auskenner, einfach alles.

Feuerwehreinsatz von Steffen Krebs: Der Plauener holte ein nagelneues Mischpult aus seinem Musik-Fachgeschäft. Nach einer halben Stunde war alles angestöpselt, Knistern und atmosphärisches Rauschen. So ein Mischpult muss ja eigentlich erst eingestellt werden, das konnten wir natürlich so schnell nicht machen. Auf gut Glück also: Helge raus, sagt "Guten Tach!" und alle lachen. Dann ein Lied am Piano, vorsichtige Witzeleien, und schließlich das Fiasko. Der weltberühmte Herr Schneider aus Texas mit der Wohnung im vierten Stock testet seine Mikros - und selbst Laien konstatieren: Der Sound ist keiner. Es klingt furchtbar. Helge schimpft, probiert selbst (professionell) an den Reglern herum, winkt schließlich enttäuscht und bricht die Show ab.

Nur 20 Leute gehen nach Hause, zählt die Security, von denen kommen später elf wieder. Mit den anderen neun hat Köhler bereits Entschädigung ausgehandelt: CD, T-Shirts beziehungsweise Freikarten. Denn die restlichen 1280 Gäste glauben an ein Wunder. Wir woll’n den Helge seh’n, singt die Menge, skandiert den Namen Schneiders. Bleibt cool. Helge hinter der Bühne ist sichtlich gerührt, das kennt er so noch nicht. Steffen Krebs und Helges Techniker Erwin basteln indes fieberhaft weiter. "Bleib hier!" Und plötzlich: ein Brummen. Die Plauener (Publikum und Crew) haben den Abend gerettet. Lediglich einen Minuspunkt gibt es für die Veranstalter, die im Eifer des Gefechts vergessen haben, ein paar erklärende Worte an die überraschend geduldigen Gäste zu richten.

21 Uhr startet Helge erneut, mit seinen drei Statisten Sergej Gleithman, Bodo Oesterling und Johnny Cola im Schlepptau. Alles erfahrene Einzelkünstler, sozusagen die Band von Helge, deren Name erst noch erfunden wird. Typisch Schneider, der sogar zwei Lieder auf Plauen singt und bis 23 Uhr durchzieht. Improvisierte Weltklasse, in jeder Hinsicht.

Von Markus Schneider
27.8.2001

Quelle: Freie Presse