14.12.97 Berlin BKA-Zelt (Quelle: Tagesspiegel)
06.02.98 Hamburg Musikhalle
06.03.98 Riesa-Kulturhaus
11.03.98 Rostock-Stadthalle
14.03.98 Halle-Konzerthalle
02.04.98 Coburg
03.04.98 Hof-Freiheitshalle
30.04.98 Emden
11.06.98 MülheimN E U
19.08.98 DortmundN E U

14. Dezember 1997

Helge Schneider

Spätdadaist im Strampelanzug: Helge Schneider fallen immer noch Witze ein, die er selbst nicht kennt

VON CHRISTIAN SCHRÖDER

Slapstick funktioniert am besten, wenn überhaupt nichts funktioniert. In seiner neuen Show spielt Helge Schneider ein Lied auf der Gitarre. Das heißt, eigentlich spielt er gar nicht, er tut bloß so. Seine Gitarre hat nämlich keinen Umhängegurt, und deshalb rutscht sie immer runter, sobald er sie mit der rechten Hand loslässt. Loslassen muß er sie aber, weil er ja die Saiten anschlagen will. Ein Dilemma. Beides gleichzeitig geht nicht: Gitarre festhalten und Gitarre spielen. Also knallt das Instrument ihm ständig auf den Fuß, und Schneider flucht: "Doofe Gitarre, du!" Singen tut er dann doch, "Jailhouse Rock" von Elvis in einer Nuschelversion, die von der Originalmelodie nur noch ein paar Töne übrigläßt. Dazu wackelt er mit den Hüften und läßt seine Stimme heulen. Schneiders Botschaft: Der King bin ich. Nichts klappt, doch das Publikum tobt. Und Schneider lacht am allerlautesten.

Überhaupt lacht der Radikalkomiker mit dem Ruhrpottcharme ziemlich oft an diesem Abend. Es gibt zweierlei Arten des Schneider-Lachens. Nach besonders schlechten Gags faltet er sich gerne ein extrabreites Grinsen in die untere Gesichtshälfte, schiebt den Unterkiefer vor und zeigt seine schiefen Schneidezähne. "Hä, Hä, Hä", kichert er dazu, weil er weiß, daß er aus jedem Nicht-Witz noch einen Witz machen kann, wenn er ihn nur blöd genug erzählt. Manchmal passiert es aber auch, daß er mitten in einem drauflosimprovisierten Musikstück oder während einer ausufernden Stegreifansage drauflosprustet und sich garnicht wieder einkriegen kann. Dann ist ihm gerade eine Pointe eingefallen, die er noch nicht kannte. Seit mehr als zehn Jahren ist Schneider hauptberuflich auf deutschen Kleinkunstbühnen zugange, und immer noch kann er über das, was er da macht, lachen. Schon deshalb muß man ihn einfach lieb haben.

"Allein am Klavier" heißt sein neues Programm, doch der Titel täuscht. Schneider sitzt nicht an einem schlichten Klavier, sondern an einem edlen Konzertflügel der Firma Steinway & Sons. Und allein auf der Bühne ist er auch nicht. Ab und zu pfeift er seinen Tourneesklaven heran, einen jungen Mann im Barockmantel namens Bodo, der ihm dann Tee reicht, die Noten umblättert oder ihn mit fistelnder Gesangsstimme begleitet. Schneiders Kabbeleien mit seinem Lakeien sind ein running gag des Abends, ganz so wie ehedem seine rituellen Beschimpfungen des Schlagzeugers Peter Thoms. Ansonsten konzentriert er sich auf das, was er am besten kann: Musik machen. "Ich veranstalte hier nur so'n bißchen Gefriemel am Klavier", erzählt er am Anfang, aber das ist pures Understatement. Am hochglanzpolierten Flügel wechselt er in Sekundenschnelle vom Blues zum Boogie-Woogie, mal läßt er die Töne satie-esk tröpfeln, mal jerryleelewismäßig swingen, und den Beethoven spielt er fehlerfrei vom Blatt. Gelernt ist gelernt.

Natürlich heißt Beethoven bei Schneider mit Vornamen Johann Wolfgang, und Chopin läßt er nahtlos in Hänschenklein übergehen. Auf daß keiner auf den Gedanken komme, hier würde wirklich E-Musik betrieben. Sein "Katzeklo" spielt Schneider gleich als drittes Lied - "dann haben wir es hinter uns" -, was folgt, sind neue, bisweilen noch halbfertige Stücke. Sie handeln von der Mittsommernacht in Schweden, vom Erbsenzählen und von "Cox Rhythmus", dem Pianisten, der sich ins Grab säuft. Bekleidet ist Schneider mit einer Art überdimensionalem Strampelanzug in Hellblau, in dem er aussieht wie der Frosch-Rächer von Edgar Wallace. Über einer quietschbunten 70er-Jahre-Krawatte hängt ein Karnevalsorden. Der sei ihm, sagt Schneider, verliehen worden für "ernsthaften Humor." Tatsächlich: Schon lange hat in Deutschland niemand mehr den Humor so ernst genommen wie Helge Schneider, der Spätdadaist in Schlaghosen.

BKA-Zelt am Kulturforum, bis 21. Dezember, täglich um 20 Uhr.

[Seitenkopf] | [© 1997 Verlag DER TAGESSPIEGEL]


05. Februar 1998

Publikumsbeschimpfungen
á la Helge Schneider

Helge Schneider war sauer. Denn schon zu Beginn seiner Begrüßung in der Musikhalle wurde er von einigen Fans mit Gegröle empfangen. Und das findet der Komiker gar nicht lustig. "Das ist doch kein Fußballplatz hier. Es macht mir keinen Spaß, hier lustig zu sein. Ihr wollt euch selber feiern, dann macht das doch, und ich geh´nach Hause", sagte er und verschwand erstmal hinter dem Bühnenvorhang.

Am liebsten hätte er seinen Auftritt wohl nach zwei Minuten abgebrochen, doch die penetranten Gröler aus der "Ballermann 6"- Fraktion waren deutlich in der Unterzahl. Also reagierte Schneider sich erstmal ab, indem er eine Viertelstunde lang am Flügel improvisierte.

Als es im Saal ruhiger geworden war, begann doch noch ein sehr unterhaltsames zweistündliches Programm in der typischen Schneider-Art mit improvisierten Scherzen und Songs mit Texten, in denen Wörter zu Ketten aneinandergereiht werden, ohne daß sich daraus ein tieferer Sinn ergeben würde.
Doch immer wieder grantelte der Musik-Dadaist mit den Hamburgern-"schöner Saal, beschissenes Publikum" - und lobte seine Fans in Ueltzen, wo er am Abend vorher aufgetreten war.

Daß seine Laune trotz aller Gags bis zum Ende dieses ersten von zwei ausverkauften Konzerten schlecht war, konnte auch daran abgelesen werden, daß Schneider auf eine Pause verzichtete. Das macht er eigentlich nie. Auch den Zugaben-Teil erledigte er in zwei Minuten, ohne daß er die Bühne verlassen und auf "Zugabe"-Rufe gewartet hätte. "Ich muß mir nochmal überlegen, ob ich das nächstemal wieder in Hamburg spiele. Vielleicht können die Hamburger ja nach Ueltzen kommen", sagte er. Und meinte das ganz ernst.
oeh


Eigentlich keine Lust, lustig zu sein

"Die Welt",9.2.98
(von Gonne Garling)

Helge Schneider wird die Geister,die er rief,nicht mehr los. Bei seinem Solo-Auftritt in der Musikhalle reagierte der Komiker sichtlich genervt, als seine Jazz-Improvisationen mit Zwischenrufen wie"Laß den Quatsch!"quittiert wurden."Eigentlich habe ich jetzt schon gar keine Lust mehr,lustig zu sein",sagte Schneider,"aber nur weil hier fünf Blödmänner rumsitzen, will ich den anderen 1495 wahrscheinlich ganz netten Leuten ihren Abend nicht versauen." Und so wurde es unter dem Motto "Der Tastengott kommt auf Täßchen Tee vorbei" dann doch noch lustig, zumal Helge Schneider weiterhin die Störer auf seine Art zurechtstutzte. "Wo is`Peter?" grölte da jemand aus den hinteren Rängen, gemeint war Peter Thoms,Schlag- zeuger in Schneiders Band."Schon mal auf die Eintrittskarte geguckt? blaffte Schneider zurück""da steht solo drauf,das heißt allein."Ganz alleine war Schneider allerdings nicht auf der Bühne,sein Butler Bodo brachte ihm nicht nur Tee und Mineralwasser an den Konzertflügel, sondern durfte auch vom berümten"Katzenklo"singen,weil der Meister selbst keine Lust dazu hatte.Dafür bot Schneider eine hochkomische Elvis-Parodie, bei der Bodo ihm ein Notenheft("It`s easy to play Elvis") vor die Nase hielt und sein Chef den"Jailhouse Rock" zur ständig wegrutschenden Gitarre ins Mikrophon stotterte. Anschließend gab es ein diffuses Medley aus Beethoven,Richard Claydermann, Reinhard Mey und Elton John.Mittlerweile schien Schneider auch selbst Spaß an der Publikumsbeschimpfung gewonnen zu haben.Kurzum drohte er den unermüdlichen Störern die "Hölzigung", eine "milde Form der Steinigung" an. Wenig geschmackvoll,aber zugegebenermaßen ziemlich lustig,zumal anschließend noch die "Papierknüllerigung" dazu kam."Das ist ganz grausam,da wird das Opfer mit zerknüllten Papier beworfen. Dauert zwanzig Jahre." Die Pause fiel aus,"damit wir schneller durch- kommen". Schneiders Spielfreude hielt sich bis zum Schluß in Grenzen. Zwar war er spontan, witzig und oft originell aber so ganz verzieh es der verhinderte Jazzer seinem Publikum dann doch nicht, daß die lieber alberne Schneidereien als virtuose Improvisationen am Klavier hören wollten."Schüss",sagte Helge schließlich und die Lichter gingen an.

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[© 1997 Hamburger Abendblatt/Die Welt]